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Tote im Biergarten

Sie saß in ihrem neuen Leinenrock auf dem grünen Holzstuhl an dem kleinen Metalltisch zwischen den Mauern der alten Burgruine und nippte an ihrem kühlen Glas mit süßem Cidre. Winzige Wasserperlen flossen an dem bauchigen Glas herab, während sie es wieder zurück auf den Tisch stellte.
Geistesabwesend schob sie den leeren Aschenbecher ein wenig beiseite, mehr aus Langweile, als aus Platzgründen, immerhin saß sie dort allein mit ihrem Glas.
Vielleicht tat sie es auch, um sich abzulenken. Ablenken von dem jungen Mann, der einige Tische weiter saß. Den rechten Arm ausgestreckt und einer Frau die Hand haltend, die lächelnd auf ihre Hände hinab sah, während er mit der anderen Hand nach seinem Glas griff und einen Schluck Wein nahm.
Sie sahen glücklich aus, die Beiden an dem anderen Tisch.
Sie sah schnell zur anderen Seite, als die fremde Frau den Kopf drehte und ihr unmittelbar in die Augen sah. Um den peinlichen Augenblick zu beenden griff sie nach ihrem Handy und drückte wahllos irgendwelche Tasten, einfach um möglichst beschäftigt auszusehen.
Sie wollte nicht aufdringlich sein und doch glitt ihr Blick immer wieder zu dem Pärchen hinüber. Sie musste ihn einfach ansehen, um sicher zu sein, dass er es nicht war.
Seine Art sich zu bewegen, sein Lachen, das ab und zu zu ihr herüber drang, die Art wie er den Kopf hielt, wenn er ihn seiner Begleiterin zu neigte, um ihr in die Augen zu sehen, während sie etwas erzählte. Es war seltsam ihn so unbeschwert zu sehen.
Während sie einen weiteren Schluck kühlen Cidre nahm lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Als die Kellnerin vorüber eilte bestellte einen Salat, obwohl sie keinen Hunger hatte. Sie brauchte lediglich eine Beschäftigung und hoffte, dass er noch eine Weile bleiben würde, damit sie ihn ansehen und beobachten konnte, immer dann, wenn sie glaubte, dass er nicht schaute.
Als der Salat kam, stocherte sie appetitlos darin herum und blickte alarmiert auf, als das Pärchen seine Rechnung zahlte und sich erhob.
Er konnte noch nicht gehen!
Sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihn zurückgehalten, riss sich aber zusammen und begnügte sich damit ihn im Vorrübergehen ein letztes Mal anzusehen, während seine Begleiterin ihr einen abwertenden Blick zu warf, bevor sie verschwanden. Er war fort.
Wieder einmal.
Sie schreckte auf, als ihr jemand eine Hand auf die Schulter legte.
"Da bin ich", lachte ihr Freund und gab ihr einen flüchtigen Kuss, bevor er sich ihr gegenüber setzte. Sie schob die seltsamen Gedanken beiseite und lächelte ihn an, während er seine Jacke auszog und über die Stuhllehne hing. "Du weißt nicht was mir gerade passiert ist", lachte er. "Mir kam beim Betreten des Biergartens ein Mann entgegen, der aussah wie Joachim", er schüttelte den Kopf. "Aber haargenau. Du weißt nicht zufällig, ob er einen Bruder hatte?", hakte er nach, während sie den Kopf schüttelte.
"Er hatte keine Geschwister", sagte sie traurig, aber entschieden und atmete tief durch, während ihr Freund immer noch grinste. Allein für sein Grinsen hätte sie ihm am liebsten den Cidre ins Gesicht geschüttet. Einfach nur damit er nicht mehr so breit grinsen konnte. Sie konnte es nicht ertragen.
Stattdessen nahm sie einen weiteren Schluck und ermahnte sich zur Vernunft. Vergangenes war vergangen und das Jetzt war die Gegenwart. Seltsam wurde es nur, wenn man zuließ, dass Vergangenheit und Gegenwart sich begegneten und vermischten, wo es eigentlich unmöglich war. Tote blieben tot.