Der Brief
Ich lag mit dem Kopf auf seinen Beinen auf der grünen Parkbank, während er mir geistesabwesend durch's Haar fuhr und zum Himmel aufsah.
"Findest du nicht auch, dass die Wolke dort aussieht wie eine Ente?", fragte er vollkommen unvermittelt.
Ich hob träge eine Hand, um mein Gesicht von der Sonne ab zu schirmen, blinzelte einige Tränen beiseite und nickte schließlich. Für mich sah sie aus wie ein Fischotter, aber ich wollte nichts sagen. Ich wollte nicht widersprechen.
"Weinst du?", hakte er verwundert nach, sich nach vorne beugend, einen plötzlichen Schatten auf mein Gesicht werfend.
"Die Sonne", sagte ich knapp, hoffend, dass er das Zittern in meiner Stimme überhörte.
Er nickte wissend und seufzte.
"Ich verstehe, dass du im Moment viel durchmachst mit deinen Eltern, aber ich bin gerne mit dir zusammen. Wirklich", versicherte er.
Ich nickte nur, unfähig irgendwas zu sagen. Während er mich küsste, bevor er sich zurück lehnte, zog sich mein Magen krampfhaft zusammen. Alles in mir schrie danach auf zuspringen und weg zu rennen, aber irgendwas hielt mich zurück.
"Ich muss los", sagte ich schließlich nach einer scheinbar endlos langen Weile.
"Sehen wir uns morgen?", ein Hoffnungsschimmer trat in seine Augen.
"Ich muss den ganzen Tag arbeiten", widersprach ich im Aufstehen.
"Rufst du mich an?", hakte er nach. "Oder soll ich anrufen?"
"Vielleicht", sagte ich unbestimmt und ging ohne ein weiteres Wort, überlegend wie lange der Brief wohl brauchen würde. Ich hatte ihn in Gedanken tausendfach geschrieben. Sagen konnte ich es einfach nicht. Ich war nie gut darin gewesen, über ernste Sachen zu reden. Aber wie ernst war es schon?
Ich kannte ihn erst wenige Wochen, aber meine Eltern schon ein Leben lang. Der Umzug war die richtige Entscheidung gewesen. Nur irgendwie hatte ich es nicht übers Herz gebracht ihm zu sagen. Aber was machte es schon? All das stand in dem Brief. Dem Brief, den ich in Gedanken schon tausendfach geschrieben und abgeschickt hatte.